Seit Mitte Oktober sorgt der ATR, eine der größten Kooperationen führender Großhändler im freien Kfz-Ersatzteilmarkt, mit einer neuen Kampagne für Aufsehen. Unter dem Hashtag #wirbefreienautofahrer rückt der Auto-Teile-Ring die Vorzüge des freien Marktes und die hohe Servicequalität der freien Kfz-Werkstätten in Deutschland in den Fokus.

Der dramatisch anmutende Kampagnen-Claim „Wir befreien den Autofahrer“ wirft die berechtigte Frage auf, wovon der Autofahrer denn nun befreit werden muss. Zu deren Beantwortung lohnt ein Blick auf die jüngsten Werbekampagnen einiger namhafter Fahrzeughersteller. In einem Spot der Marke Audi etwa sieht sich ein A5-Coupé-Fahrer einer Horde zombieartiger Gestalten ausgesetzt, die auf gewaltsame und gleichermaßen stumpfe Art und Weise versuchen, das Premium-Fahrzeug zur fälligen Serviceleistung in eine freie Werkstatt zu zwingen.

Dass es sich bei den im Werbeclip zu sehenden, heruntergekommenen Schuppen um freie Werkstätten handeln soll, mögen die Verantwortlichen bei Audi bestreiten, liegt aber dennoch zweifelsfrei auf der Hand. Schließlich gelingt es dem Fahrer des Hochglanz-Autos, den Verfolgern zu entkommen und sich in ein Schutz bietendes Audi-Service-Center zu retten. Auch im Hause Mercedes-Benz kann man sich für die Gleichung „Freie Werkstatt = Horror“ offenbar begeistern. Eine Mercedes-Fahrerin muss zu ihrem Ärgernis zum zweiten Mal binnen kurzer Zeit in die freie Werkstatt, da beim ersten Mal – wie könnte es anders sein – kein fachgerechter Einbau des benötigten Ersatzteils erfolgt ist.

Dass der Werkstattmeister der eigenen Muttersprache kaum mächtig ist, bleibt dabei nur eine Randnotiz. Schlussendlich mutiert die bemitleidenswerte Fahrerin zum Zombie. Der Besuch in einer freien Werkstatt ist für sie sprichwörtlich zum Horror geworden. Derartige Verunglimpfungen wollen sich Hersteller, Händler und Werkstätten des freien Marktes zu Recht nicht mehr bieten lassen. Als Reaktion auf die teils diffamierenden und herablassenden Werbeaussagen hat der ATR die erwähnte Aufklärungskampagne ins Leben gerufen. „Autofahrern gegenüber werden falsche Aussagen über Garantie- und Gewährleistungsansprüche getätigt und freie Werkstätten durch diffamierende Werbeaussagen in Wort und Bild schlecht gemacht“, heißt es in einer Stellungnahme des ATR.

Die Kampagne selbst hebt ausschließlich die wichtigsten Vorteile der freien Werkstätten hervor, zum Beispiel die persönliche Ansprache, Nahbarkeit, eine hohe Teile- und Servicequalität sowie Preiswürdigkeit. Neben dem Verkauf von Neu- und Gebrauchtwagen ist das After-Sales-Geschäft schon lange eine lebenswichtige Einnahmequelle der Hersteller. Erlöse aus dem Handel mit Verschleißteilen können zurückgehende Verkaufszahlen von Fahrzeugen und damit einhergehende Umsatzeinbrüche zumindest teilweise ausgleichen. Das erklärt die mitunter aggressiven Werbekampagnen mancher Hersteller und belegt außerdem, dass der freie Markt als ernsthafter Konkurrent der Autobauer für das Ersatzteilgeschäft wahrgenommen wird.

Aufmerksamkeit wecken die erwähnten Spots der Hersteller sicher. Die zweifelsfrei ironische „Panikmache“ aber läuft Gefahr, wirkungslos zu verpuffen. Denn die Autofahrer sind zunehmend aufgeklärt und vergleichen Preise und Leistungen genau. Die Transparenz der freien Werkstätten und die Qualität der Reparaturen und Services macht sie zu einer echten – in der Regel kostengünstigeren – Alternative. Die Budgets für Werbespots, wie sie Audi und Mercedes-Benz investiert haben, kann der freie Markt zwar nicht aufbringen, verstecken muss er sich hinter der Servicequalität der Hersteller aber keinesfalls.