Die Automobilbranche wird von einem folgenschweren Skandal erschüttert. Nach Untersuchungen der US-Umweltbehörde EPA (Environmental Protection Agency) musste VW öffentlich einräumen, dass Abgastests bei Dieselfahrzeugen in Amerika im großen Stil manipuliert wurden. Der Aktienkurs des Konzerns brach daraufhin um 22 Prozent ein. Neben dem massiven Imageverlust hat der Betrug aber auch ein rechtliches Nachspiel. Denn wie verschiedene Medien berichten, haben die amerikanische und mittlerweile auch die kanadische Justiz Ermittlungen gegen VW eingeleitet. Dabei soll insbesondere die Frage geklärt werden, ob dem deutschen Autobauer kriminelle Aktivitäten anzulasten sind.

Als Mission gibt die EPA auf ihrer Internetseite an, die Gesundheit des Menschen und die Umwelt zu schützen. Genau diesem Credo entsprach die staatliche Behörde, als sie bereits 2014 konkreten Abweichungen von zulässigen Abgashöchstwerten bei verschiedenen Volkswagen-Dieselmodellen nachging. Der Konzern gab sich schuldlos und führte als Begründung technische Ursachen an. Nur erklärten diese nicht die in wiederholten Vergleichsmessungen belegten massiven Überschreitungen. Erst die Drohung, Dieselfahrzeugen der Marken Volkswagen und Audi bei zukünftigen Zulassungsverfahrungen die Freigabe zu verweigern, führte zum Eingeständnis, Abgastests in Amerika durch die Nutzung illegaler Software manipuliert zu haben.

Über Abschalteinrichtungen ist es der nach VW-Angaben in weltweit 11 Millionen Fahrzeugen verbauten Bordelektronik möglich, Testzyklen zu erkennen und die Motorleistung entsprechend zu regulieren. Beim Betrieb auf einem Rollenprüfstand etwa wird ein Wagen beschleunigt, bewegt sich faktisch aber nicht von der Stelle. Im Falle derartiger Normabweichungen soll das System selbstständig die Abgasreinigung einschalten, um die Einhaltung der in den USA geltenden Schadstoffgrenzwerte zu gewährleisten. Es fällt schwer, VW anhand der Faktenlage kein kriminelles Kalkül zu unterstellen. Doch der Skandal hat längst auch Deutschland erreicht und versetzt neben der Wirtschaft die Politik in Aufregung.

Während Abstrahleffekte des Vertrauensverlustes auf andere heimische Automobilhersteller befürchtet werden, werfen Umweltverbände die berechtigte Frage auf, ob derartige Manipulationen auch in Europa gängige Praxis sind. Unter Rechtfertigungsdruck gerät neben VW-Vorstandschef Martin Winterkorn auch Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU). Denn wie das Verkehrsministerium auf eine Anfrage der Grünen bestätigte, ist die Methode der Zykluserkennung in Regierungskreisen lange bekannt. Der VW-Skandal schlägt also zunehmend höhere Wellen und dürfte das Ansehen von Europas größtem Autobauer nachhaltig beschädigen.

Der Verkaufsstopp von Dieselfahrzeugen mit Vierzylindermotor in den USA dürfte daran ebenso wenig ändern wie die Zahlung der drohenden Strafe von bis zu 18 Milliarden Dollar. Damit nicht genug, überschattet bereits die nächste Schreckensnachricht das Versprechen umfassender Aufklärung: In Brasilien wurde Zivilklage gegen VW eingereicht, weil der Konzern während der Militärdiktatur (1964 – 1985) u.a. die illegale Festnahme und Folter von 12 Mitarbeitern zugelassen haben soll. Ein Abschwächen des Gegenwinds ist vorerst nicht zu erwarten.