Wer auf Deutschlands Autobahnen unterwegs ist, muss mit Staus rechnen. Nach der Jahresbilanz des ADAC wurden 2016 etwa 694.000 Stauereignisse registriert, die eine Gesamtlänge von rund 1.378.000 Kilometern ausmachten. Gegenüber dem Vorjahr bedeutet das eine Zunahme von fast 20 Prozent. Die Wichtigkeit der Rettungsgasse sollte bei solchen Zahlen klar auf der Hand liegen. Denn wenn ein Unfall geschieht, ist es gerade bei hohem Verkehrsaufkommen unabdingbar, dass die Rettungskräfte schnell und ohne Behinderung zur Unfallstelle gelangen. Das sehen aber offensichtlich nicht alle Autofahrer so.

Fakt ist, dass die Rettungsgasse Leben retten kann. Daher sind Verkehrsteilnehmer dazu verpflichtet, diese bei Stau zwischen dem linken und den übrigen Fahrstreifen freizumachen. Wer gegen das Gebot verstößt, muss mit einem Bußgeld von mindestens 20 Euro rechnen. Einen abschreckenden Effekt hat das kaum. Den jüngsten Beweis erbrachten Rettungskräfte der Freiwilligen Feuerwehr Mörfelden in Hessen. Weil Autofahrer nach einem Unfall auf der A5 bei Weiterstadt die Rettungsgasse blockierten, machten die Einsatzkräfte Fotos von 30 besonders dreisten Autofahrern und erstatteten später Anzeige.

Was war passiert? Am 15. März stürzte ein Gerüstbauer an einer Autobahnbrücke fünf Meter in die Tiefe und erlitt schwere Verletzungen. Doch der 49-Jährige hatte Glück im Unglück: Ein zufällig die Unfallstelle passierender Notarzt konnte medizinische Erstversorgung leisten. Für die Feuerwehr hingegen erwies sich der Weg zum Verletzten als unerwartet schwierig. Um im Stau schneller voranzukommen, folgten einige Autofahrer dem ersten Einsatzwagen und verstopften den folgenden Rettungskräften damit die Durchfahrt. Als mehrere Sanitäter gezwungen waren, das letzte Teilstück des Weges zu Fuß zurückzulegen, machten sie Fotos von den blockierenden Autos.

Der Fall sorgte deutschlandweit für Empörung. Nicht zuletzt, weil die Rettungskräfte angaben, von den auf ihr Fehlverhalten angesprochenen Autofahrern verbal angegangen worden zu sein. Die daraus entstandene Diskussion um die Verantwortung von Autofahrern im Straßenverkehr ist eng an eine Forderung nach der Verschärfung bestehender Gesetze geknüpft. Tatsächlich hat der Bundesrat bereits einen Gesetzesentwurf in den Bundestag eingebracht. Demnach würde die Behinderung von Einsatzkräften auf dem Weg zu einer Unglücksstelle nicht länger als Ordnungswidrigkeit eingestuft, sondern als Straftat. Die juristischen Folgen: Geldstrafen oder bis zu ein Jahr Gefängnis. Begrüßenswert ist eine solche Anpassung des gesetzlichen Rahmens fraglos. Allerdings ist offen, ob sich der Bundestag der Sache noch in dieser Legislaturperiode annehmen wird.