Die VW-Affäre hat sich zum handfesten Diesel-Skandal ausgeweitet. Wie Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) in einem aufgezeichneten Presseinterview erörterte, sind gemäß eines vom Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) erstellten Berichtes nahezu alle deutschen Fahrzeughersteller beteiligt.

Der VW-Skandal war Auslöser für die groß angelegte Untersuchung von Diesel-Fahrzeugen. VW hatte manipulative Software in seine Fahrzeuge eingebaut, die unter Werkstattbedingungen positive Abgaswerte anzeigte, während die Werte im Straßenverkehr deutlich schlechter ausfielen. Aufgrund der VW-Verstöße hatte Dobrindt den Bericht durch sein Ministerium beim KBA in Auftrag gegeben. Mehr als 50 Dieselfahrzeuge von namhaften Herstellern wurden durch Abgas-Nachmessungen auf Umweltverträglichkeit getestet.

Die Prüfungen fanden unter Realbedingungen und unter Werkstattkonditionen mit Laborcharakter statt. Laut Bericht weisen immerhin 27 der untersuchten Fahrzeuge keine Auffälligkeiten auf. Alle anderen Herstellerfahrzeuge wiesen, mit Ausnahme von BMW, stark erhöhte Stickoxid-Werte auf. Beinahe alle Autobauer bedienen sich umstrittener Tricks, die gemäß aktueller EU-Richtlinie vertretbar sind. Was machbar ist, wird ausgeschöpft, so auch die kontrovers diskutierten Thermofenster. Hersteller können ihre Fahrzeuge so einstellen, dass die Abgassäuberung erst bei einer höheren Temperatur einsetzt, etwa oberhalb der 10-Grad-Grenze.

Dies führt dazu, dass unter Werkstattbedingungen die schlechten Werte kaum auftreten. Als Grund schiebt die Autoindustrie den Motorenschutz bei Niedrigtemperaturen vor. Viele Autohersteller gaben sich nach Vorlage des KBA-Berichts unschuldig und konnten sich die erhöhten Werte nicht erklären. Darüber hinaus ist die Automobilbranche der Meinung, dass der Gesetzgeber keine Rückrufaktion anordnen könne. Anders verhält es sich beim öffentlichen Druck, schließlich geht es um den Rückruf von 630.000 Fahrzeugen.

Bärbel Höhn (Bündnis 90/Die Grünen), Vorsitzende des Umweltausschusses im Bundestag, räumte ein, dass nicht nur die VW-Affäre, sondern auch der sich ausweitende Diesel-Skandal unter Duldung der Bundesregierung geschehen sind. Nachdem die deutschen Hersteller dem Druck bereits nachgegeben haben und ihre Fahrzeuge zur Nachbesserung zurückrufen, werden nun auch ausländische Hersteller ins Visier genommen.

Die Bundesregierung befürwortet die Anpassung der EU-Richtlinie zum Thermofenster in der Form, dass kein Auslegungsspielraum mehr möglich ist. Nach eigener Aussage hat Verkehrsminister Dobrindt das KBA angewiesen, zukünftig von jedem Autobauer eine Erklärung zu verlangen, ob er sogenannte Motorschutzeinrichtungen verwendet. Am Ende seines Presseinterviews gab Dobrindt zu verstehen, dass die Dieseltechnologie nur dann sauber werden könne, wenn sie um ein Vielfaches teurer wird.